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Feministische Sprache

Seit den Gleichstellungsdiskussionen forderten feministische Linguistinnen zu Recht, dass zahlreiche Begriffe, die ausschließlich männlich geprägt waren, geändert werden müssen. Doch führte die konsequente Forderung nach weiblichen Bezeichnungen in der Praxis leider auch zu recht grotesken Formulierungen.

Verdoppelungen

  • Zuschauer und Zuschauerinnen
  • Oesterreicher und Oesterreicherinnen
  • Snowborderinnen und Snowborder
  • Lehrlinge und Lehrfrauen
  • Motorfahrerinnen und Motorfahrer

Emanzipation kostete überall mehr Zeit und Papier; bei den elektronischen Medien ist dies bekanntlich kostbare Sendezeit.

Weiterhin kam es zudem zu völlig unsinnigen Sprachschöpfungen, wie:

  • Gästin
  • Jedefrau sagt (statt jedermann sagt)
  • Göttin sei Dank
  • Frauschaft (statt Mannschaft)
  • Schwesternschaft (statt Bruderschaft)
  • Ich habe einen Bärinnenhunger
  • Wir werden uns vertöchtern (statt versöhnen)
  • Wünscherinnen und Wünscher
  • Menschin
  • Mitgliederin, (obwohl Mitglied eindeutig eine geschlechtsneutrale Personenbezeichnung ist).
  • Frau sagt (statt man sagt, obwohl mit "man" = franz. "on" irgend ein Mensch gemeint ist).

In den Rubriken "Vermischtes und Verbrechen" konnte sich die Gleichberechtigung im Sprachgebrauch nicht durchsetzen. Denn niemand liest in den Medien von

  • Einbrecherinnen und Einbrechern
  • Brandstifterinnen und Brandstiftern
  • Attentäterinnen und Attentätern
  • Mörderinnen und Mördern

Wer sich mit der konsequenten Umsetzung der "Frauensprache" auseinandersetzt, stellt fest, dass auch folgende Formulierungen nie beanstandet wurden. Denn sie störten niemanden:

  • "Frauen sind die besseren Autofahrer"
  • "Viele Frauen sind Inhaber von ........."

Übertreibungen

Beim feministischen Sprachgebrauch müssen wir Übertreibungen vermeiden.Wer den Satz:

"Krankenschwestern und Laborantinnen sind die engsten Mitarbeiter der Ärzte."
übersetzt in:    
"Krankenpfleger, Krankenschwestern und Laboranten, Laborantinnen sind die engsten Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen der Ärztinnen und Ärzte";

der erkennt rasch die Auswirkung sturer Gleichmacherei. Die Sprache würde bei konstanter Verdoppelung verkrüppelt.

Verständlichkeit

Fachleute, Journalistinnen und Dozentinnen merkten - vielleicht dank der jüngsten Versachlichung der Thematik-, dass im Interesse der Verständlichkeit die Sprache nicht weiter verstümmelt werden darf. Es mussten brauchbare Möglichkeiten des Sprachgebrauches gesucht werden, die den Anliegen der Frauen Rechnung tragen - ohne grammatikalischen Monster, zeitraubende Verdoppelungen und ohne eine Entstellung der Sprache. Es gab allerorts beim Redigieren von Texten, Inseraten und Anreden heftige Diskussionen. Verleger merkten nach und nach, dass bei einem Buch - falls jeder Begriff konsequent verdoppelt wird -, viel mehr Seiten gedruckt werden müssten und der Text vor allem unverständlicher, und viel ermüdener würde.
Doppelnennungen beruhen ferner auf einem fundamentalen sprachwissenschaftlichem Irrtum. Die Gleichsetzung von biologischem Geschlecht und grammatikalischem Genus ist eindeutig falsch, denn es gibt drei Genera, das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum. Es gibt aber nur zwei Geschlechter. Begriffe wie Mensch, Gast, Flüchtling, Person etc. können alle männlich und weiblich sein. Viele übersehen die Tatsache, dass allem Ungeschlechtlichen (der Ofen, die Wolke, das Fass) ein Genus zugeordnet ist.
Genau so sind sämtliche Funktionen, die von Verben abgeleitet werden können und auf -er enden, trotz des maskulinen Genus nicht biologisch männlich zu verstehen.
Ein Mensch, der liest, ist ein Leser. Einer der arbeitet, ist ein Arbeiter. Ein Mensch, der fischt, ist ein Fischer usw. Der Genus wird nicht nur geschlechtlich oder ungeschlechtlich, sondern auch übergeschlechtlich verwendet:
Der Mensch, Gast, Flüchtling, die Person, Persönlichkeit, Waise, das Kind, Individuum

Kürze als Verständlichkeitshelfer

Kürze ist und - bleibt ein wichtiger Verständlichkeitshelfer. Ein Gedanke, der zu lange ist, wird bei mündlichen Kommunikationsprozessen nicht als Ganzes aufgenommen. (Nur ein Gedankenbogen von 13-15 Worten oder ein Gedanke - der 3 Sekunden dauert - wird als Einheit erfasst). Die kurzen Antworten spielen vor allem bei der Medienrhetorik eine wichtige Rolle. Jede verlorene Sekunde ist somit verlorenes Geld. Wer alles verdoppelt, verringert zudem seine Chance, die Kernbotschaft zeitgerecht zu vermitteln.

Sprachlich falsch ist eindeutig, etwas so zu schreiben, wie es nicht laut zitiert werden kann: z.B.

  • StudentIn Wie soll das grosse I betont werden?
  • Student(in) Die Klammer können nicht laut ausgesprochen werden
  • Student/innen Wie wird der Schrägstrich ausgesprochen?


Taugliche Varianten
Ein schweizer Professor pflegte zu Beginn einer Vorlesungsreihe jeweils folgende Folie aufzulegen:
„Der/die Referent/In ist für den/die Zuhörer/In da und nicht der/die Zuhörer/In für den/die Referent/In“.

Hier machte der Dozent deutlich, dass er während der Vorlesung nicht alles verdoppeln kann. Er wechselte jedoch bewusst die Geschlechter. Keine Studentin wünschte ein konsequentes Verdoppeln. Einmal sprach der Dozent von einer Chefin. Ein andermal wieder von einem Chef.

 

Geschlechtsneutrale Begriffe

  • Das Mitglied
  • Der Lehrkörper

Am Anfang werden Paarformen gebraucht, nachher wird jedoch nur eine Form gebraucht
Schreiben Sie als Autor im Vorwort, dass bei Personenbeschreibungen stets beide Geschlechter gemeint sind.
Benutzen Sie einmal die weibliche Form "Chefin" ein andermal dafür die männliche Bezeichnung "Chef".

Zulässig ist nach wie vor der Plural:

  • die Einwohner
  • die Bürger
  • die Leser
  • die Patienten
  • die Philosophen
  • die Gärtner
  • die Christen

Zurückhaltung empfiehlt sich bei Entpersonifizierungen:

  • Lehrerschaft
  • Ärzteschaft
  • Ab und zu helfen neutrale Formulierungen wie:
  • die Lehrenden
  • die Dozierenden
  • die Stimmenden

 Historisch gewachsene Sprichwörter oder Zitate sollten so belassen werden, wie sie überliefert worden sind.

  • Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
  • Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
  • Alle Mann an Deck.
  • Ein Mann ein Wort.
  • Eigenartig ist:
  • "Der Fussballklub hat eine neue Frauenmannschaft."
  • "Die Regierungsrätin musste den Mann stellen."

 

Gesunder Menschenverstand

Verschiedene Versuche, alles in der weiblichen Form umzuschreiben, sind unternommen worden. Keiner erlebte einen Durchbruch. Viele Redaktionen besitzen brauchbare Richtlinien, die jedem Redakteur bewusst machen, dass eine Rede keine Schreibe ist. Beides, Rede und Schreibe, müssen sich stets den Gesetzen der Verständlichkeit und der Ästhetik unterordnen. Denn: Niemand möchte einen unleserlichen Sprachsalat. Viele Redakteurinnen und Redakteuren lassen deshalb heute die männliche Form wieder bewusst durchgehen - im Interesse der Einfachheit.

Fazit

Bewusstes Formulieren ist wichtiger als Verbissenheit oder Militanz. Die Zeiten liegen endlich hinter uns, da Sprachpolizistinnen in jeder Diskussion zuerst aufgezählt hatten, wieviel Mal die weibliche Form von einem Redner unterschlagen worden war. Die Auseinandersetzung rund um die "feministische Sprache" hat in jüngster Zeit zu brauchbaren Lösungen geführt. Die Bedeutung der Reduktionsmerkmale wurde als Thema erkannt. Der extreme Sprachfeminismus widersprach eindeutig der Sprachökonomie. Dank dem Denkprozess ist uns anderseits bewusst geworden, dass die Sprache stets unser Denken widerspiegelt und Formulierungen die Einstellung prägen können; so wie sich auch die Einstellung auf die Formulierung auswirkt.
Die Thematik über "Frauensprache" hat sogar etwas mit Dialogik zu tun. Würde nämlich die Sprache als Instrument des Matriarchats gegen das Patriarchat aufgefasst oder umgekehrt, so hätte dies etwas mit Kampf oder Herrschaft zu tun. Was wir bei allen dialogischen Kommunikationsprozessen anstreben wollen, ist keine Kampfrhetorik. Es geht weder um die Durchsetzung des totalen Feminismus noch um die Rückkehr zum mittelalterlichen Patriarchat. Es geht bei dieser Thematik um Dialogik, im Sinne einer echten Balance oder Gleichberechtigung. Wichtig ist und bleibt die Gesinnung, welche hinter einer Aussage steckt.